Twitter zensiert nun auch

Ich hab mir ja vor nem halben Jahr nen Twitteraccount zugelegt, weil ich es klasse fand um mich über aktuelles zu informieren, ungefiltert, direkt von den Menschen die vor Ort sind, direkt. Grade beim Arabischen Frühling haben unsere Medien ja so getan als ob die Revolution quasi über Twitter lief. Ich habs dann auf dem ersten peak der Occuppy-dingens auch wirklich so erlebt: livestream, tausende tweets, dazwischen immer wieder links zu photos die grade vor ner halben minute irgendwo in ner Straßenschlucht am anderen Ende der Welt aufgenommen wurden. Das sog. Web 2.0 in seiner vollsten Pracht. Ich war und bin immernoch begeistert davon, welche möglichkeiten der direkten Kommunikation sich da auftun. Jedes Individuum hat freien Zugang zu Informationen und kann zugleich Sender sein, sein Wissen teilen. Keine professionelle Redaktion die Nahrichten filtert, umschreibt, andere Nuancen hervorhebt. Soweit die real existierende Utopie.

Und jetzt zwitschert der Vogel auf einmal folgendes:

Dieser Tweet ist in deinem Land nicht verfügbar.

Das netzfeuilleton berichtet über einen Blogeintrag von twitter in dem eine Länderspezifische Zensur angkündigt wird. Beispielhaft begründet wird das mit dem angeblichen Verbot in ’schland für Nazis zu werben. Natürlich Werbung für Nazis auch in ’schland von der Meinungsfreiheit gedeckt, Verboten ist nur das Leugnen des Holocausts. Aber das ist nur paragraphenreiterei. Der eigentliche Hammer daran: Ein Werkzeug, das sich als elementar für emanzipatorische Kämpfe herausgestellt hat, ist auf einmal stumpf. Gemunkelt wird, und ich persönlich finde das auch plausibel, dass twitter endlich nach China will und deshalb sich präventiv anbiedert nur Systemkonforme tweets zu übermitteln.

Ein Assad wird sich in Syrien nicht mehr die Mühe machen müssen alle Nachrichten seines Volks zu überwachen, er erlässt ein Gesetz, dass kritische Inhalte verboten sind und dann übernimmt das Twitter für ihn. Twitter wird nicht dazu beitragen, dass Menschen in China davon erfahren was in Tiananmen geschehen ist.

Fazit: Twitter wirds bald überall geben, aber die interessanten Sachen werden nichtmehr auf twitter landen, bzw. für die Menschen, die es interessiert nicht mehr zu sehen sein.

Ich persönlich fände es noch spannend zu sehen, wie die Zensur de facto läuft. Denn um die tweets per Hand zu sortieren sind es wohl zu viele. Aber Algorithmen sind leider fehleranfällig. Entweder sie zensieren zu viel oder zu wenig. Und in beiden Fällen wirds ärger geben, vielleicht ein shitstorm gegen twitter auf twitter? Und was passiert, wenn mal eine liste mit den bösen Themen oder Wörter geleakt wird?

Die NZZ berichtet übrigens, das mensch aktuelle die Zensur durchaus einfach umgehen kann:

Stösst man auf einen entfernten Tweet, soll es ausreichen, die Ländereinstellungen auf einen Staat zu setzen, in dem er nicht zensiert wird, um sich den Beitrag anzeigen zu lassen.

Das ist jedoch zu einfach, diese Linie wird twitter nicht durchhalten können, wenn sie wirklich nach China wollen. Wenn Zensur stattfinden soll, und zwar nicht nur so Alibi-mäßig sondern richtig, und das scheint hier der Fall zu sein, dann müsste das wenigstens so laufen, das mensch nen proxy braucht um sie zu umgehen. Naja das ganze wird sich sicher noch weiterentwickeln, we will see. c ya

Update (2 Stunden später): Auch das ehemalige Nachrichtenmagazin hat sich dem Thema angenommen und Chris Stöcker hat das ganze mal mit weniger Polemik aber dafür mehr Kontext und etwas ausführlicher dargestellt. Moneyquote:

Eines jedenfalls macht Twitters Schritt noch einmal deutlich: Die Zeiten einer utopisch-ultralibertären Netzwelt, in der absolute Meinungsfreiheit global gilt, sind längst vorbei. Zumindest, wenn man sich auf den Plattformen multinationaler Unternehmen bewegt, die ja kein primär humanitäres, sondern in erster Linie ein kommerzielles Interesse haben.





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