Archiv für August 2012

Diskussionshinweis (updated)

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Vor allem im neuen deutschland aber sicher auch anderswo läuft grade eine spannende Diskussion über Sahra Wagenknecht. Die Diskussion ist auch deshalb wert hier verlinkt zu werden, weil ich finde beide Seiten haben plausible Argumente. Im Kern geht es darum, dass Wagenknecht sich Ludwig Erhardts Slogan „Wohlstand für alleangeeignet hat und damit durch die Republik tingelt. Ulrike Herrmann findet Erhardt nicht gut und meint Wagenknecht sollte lieber auf Roosevelt abheben, wenn sie schon konservative Politpropaganda mit einem linke bias versehen will. Albrecht von Lucke hält dagegen und hebt darauf ab, dass Erhardt noch immer so beliebt sei und es sonst eher keine nenneswerte Versuche von links gäbe, sich Begriffe/Slogans anzueignen. Außerdem findet er das Primat der Politik über die Märkte bei Erhardt wieder und meint, dass sei doch lohnenswert.
Als ich das eben so gelesen habe, war ich noch sehr unentschlossen. Aber beim Essen und auch jetzt beim schreiben, tendiere ich dazu eine dritte Position aufzumachen. So wie ich das sehe, plädiert Albrecht von Lucke vor allem dafür Wagenknechts Aneignungsversuchaus taktisch für gut zu befinden. Das mag sein. Bei Ulrike Herrmann geht es mehr darum, bessere Anknüpfungspunkte zu präsentieren, bzw. zu zeigen, dass Erhardt kein guter Anknüpfungspunkt ist um aus der (von ihr sehr eindimensional dargestellten aber faktisch multiplen) Krise zu finden. Soweit so gut. Gegen von Lucke und damit auch gegen Wagenknecht muss ich hier nun einen cleveren Satz eines cleveren Menschen zitieren: „“Keine Theorie darf agitatorischer Schlichtheit zuliebe gegen den objektiv erreichten Erkenntnisstand sich dumm stellen“ und die Süddeutsche zitiert Erhardt heute im Print mit der Aussage: „Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist und nicht, dass er sozial gemacht werden muss.“ An Erhardt anknüpfen ist also sowohl aus den von Herrmann dargelegten Gründen als auch aus der viel problematischeren Grundhaltung die sich hoffentlich in dem Zitat wiederspiegelt kein Anknüpfungspunkt für eine Emanzipatorische Linke. Auch und gerade nicht für kleine Nadelstiche gegen die konservativen dürfen wir uns deren Schwachsinn zu eigen machen. Außerdem brauchen wir nicht Erhardt um das Primat der Politik über die Märkte zu behaupten (so es Erhardt den überhaupt vertreten würde).
So nun zu Herrmann. Zum ersten, das Lob des Keynsianismus. Willkommen in der Sozialdemokratie, wir sehen ja wo das hinführt. Im besten Fall zu einem „Kapitalismus mit lächelndem Antlitz“ (in Variation des guten alten Erich, er wirds mir verzeihen), aber so richtig vorwärts bringt uns das glaub ich nicht. Zum einen weil es dabei zuerst darum geht so weiter zu machen wie bisher. Den armen Armen bischen mehr Geld geben damit sie es wieder ausgeben. Viel schlimmer finde ich aber Herrmanns Lob von Roosevelt. Der New Deal, oder heute wahrscheinlich eher der Green New Deal führen auch nicht wirklich ins Land wo Milch und Honig fließt, sondern eher ins Land wo noch der letzte Tropfen Milch und Honig effizient aus der Umwelt abgepresst werden um daraus harte Dollars zu machen.
Was machen wir jetzt damit. Also ich finde die Idee an bekanntes anzuknüpfen prinzipiell erfolgsversprechend, aber nur unter der Vorraussetzung das diese taktische Maßnahme intellektuell zu rechtfertigen ist. Damit fallen einige Aneignungen aus. Erfolgsversprechend scheinen mir hingegen vor allem Wiederaneignungen zu sein. Zum Beispiel des Begriffs der Energiewende, die nicht nur den Energieträger wechseln sollte sondern auch darauf achtet keine überdimensionierten IndustrieWindparks ins Wattenmeer zu setzen o.ä. Solche Wiederaneignungen sind vielleicht nicht so laut und wir landen damit nicht bei Maischberger auf dem Sofa aber dafür läuft mensch nicht in die Falle auf einmal Roosevelt oder Erhardt zu leuchtenden Ikonen aufzubauen.

Update (2.9.):
Wie versprochen geht die Debatte weiter. Ingo Stützle von analyse&kritik hat sich auch dazu geäußert. Sein Fazit ist, wie ich finde, nicht so weit von meinem weg: ob Keynes oder Roosevelt oder Erhardt, den „Verein freier und gleicher Menschen“ bringen sie uns alle nicht.

Soll es aber darum gehen, die Krise wirklich im Sinne einer emanzipatorischen Befreiungsperspektive zu nutzen, dann müsste es darum gehen, dem Staat und der privat organisierten, auf Profit ausgerichteten Wirtschaft die Organisationsleitungen für die Gesellschaft abzuringen. Nicht Wettbewerbsfähigkeit oder Verstaatlichung sollten auf ganz oben Agenda stehen, sondern die Frage, wie solidarisches, kooperatives und auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtetes Wirtschaften jenseits von Ausbeutung und Herrschaft aussehen könnte. Die Linke sollte sich an keiner Debatte beteiligen, wo sie sich den Kopf des Kapitals zerbricht.




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